Christina Antenhofer, Die Familienkiste. Mensch-Objekt-Beziehungen im Mittelalter und in der Renaissance.

Erscheint 2020 in 2 Bänden in der Reihe Mittelalter-Forschungen, Ostfildern, Thorbecke

 Schätze und Geschenke – das sind die Schlagworte, unter denen die fürstliche materielle Kultur bislang vor allem betrachtet wurde. Dieses Buch geht über die Frage nach dem Luxus am Hof hinaus und untersucht grundlegend, welche Objekte die Fürstinnen und Fürsten besaßen, wie sie damit umgingen, wie sie diese beschrieben und wofür sie diese verwendeten. Im Zentrum stehen Menschen und Dinge in Bewegung zwischen Mittelalter und Renaissance, Süddeutschland und dem oberitalienischen Raum. Entlang der deutsch-italienischen fürstlichen Eheverbindungen des 14. und 15. Jahrhunderts werden die Beziehungen untersucht, die Menschen zu Dingen unterhielten, in dieser Epoche und geographischen Zone des Übergangs. Gefragt wird, inwieweit sich hier eine „frühmoderne Konsumkultur“ abzeichnet, deren Ausgang in der Renaissance und im Raum Oberitaliens verortet wird. Dabei interessiert nicht nur, welche Objekte gekauft wurden, sondern auch, ob es bereits so etwas wie ein „Shoppingerlebnis“ der Renaissance gab. 

Wie verbunden waren die Menschen der Renaissance und des Mittelalters mit ihren Besitztümern? Lassen sich emotionale Bindungen an einzelne Objekte festmachen, etwa darüber, dass diese vererbt wurden? Um diesen Fragen nachzugehen, werden neben Inventaren vor allem Eheverträge und Testamente untersucht. Mitunter ist es dabei möglich, Spuren von Objekten von der Großmutter über die Tochter bis zur Enkelin zu verfolgen. Im Bild der Familienkiste wird diese über die Generationen dauernde Bedeutung von Objekten gefasst, wobei nicht immer die kostbarsten Objekte die wichtigsten waren, sicher aber jene Dinge, die man unmittelbar am Körper trug.

Über diese Objekte erhalten auch die Räume Konturen, in denen sich das alltägliche Leben am Hof abspielte, ebenso wie Bereiche außerhalb der Burgmauern, etwa der Garten oder die Natur, in die beispielsweise Jagdausflüge führten. Wie das Reisegepäck eines noch zu lebenden Lebens erzählen insbesondere die Dinge in Brautschatzinventaren von den Hoffnungen und Vorstellungen, die an eine fürstliche Braut geknüpft waren. Zugleich werden über die Quellen die Experten der Verwaltung und des Kunsthandwerks sichtbar, welche die kostbaren Objekte herstellten, pflegten, reparierten und verwahrten. Damit schreibt dieses Buch auch eine Kulturgeschichte der Verwaltung der Objekte. 

Die Luxusgegenstände sind eingebunden in das gesamte Spektrum an Dingen, die sich in den fürstlichen Kammern und Truhen befanden. Von den exquisiten Goldschmiedearbeiten bis zur Nähnadel mit Zwirn reicht das Panorama dessen, was in dieser Arbeit als Ding in den Blick genommen wird. Darüber wird der fürstliche Besitz an materiellen Gütern vom 13. bis zum 15. Jahrhundert nachgezeichnet. Dargestellt werden Praktiken und Handlungen, die sich an die Objekte knüpfen, und soziale Netzwerke von Menschen, Dingen und Räumen entstehen lassen. Die diskursgeschichtliche Auswertung gibt Einblick in die Wahrnehmung der Objekte sowie in Fragen des Kulturkontakts. Methodisch werden Richtlinien für die Auswertung von Inventaren geboten. Das Inventar wird als Text und Ding in den Blick genommen, seine Genese seit dem frühen Mittelalter skizziert und eine Typologie der Inventare entwickelt.

Bild: Liber iocalium der Antonia Visconti, 1380, Landesarchiv Baden-Württemberg, HStA Stuttgart.
Publikation: Christina Antenhofer: Liber iocalium – Das Schmuckbuch der Antonia Visconti (1380). Edition und Kommentar deutsch/italienisch. Editionsteil der Habilitationsschrift, in Vorbereitung für 2021 für die Reihe Sonderveröffentlichungen des Landesarchivs Baden-Württemberg. Stuttgart: Kohlhammer

Fetisch als heuristische Kategorie

Interdisziplinäre Beiträge zu Mittelalter und Früher Neuzeit

Historisches Lernen und Materielle Kultur

Von Dingen und Objekten in der Geschichtsdidaktik

Im Zuge der Etablierung des »New Materialism« wird die Bedeutung von Objekten für menschliche Gesellschaften neu verhandelt. Welches Potenzial dieser Neue Materialismus für Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik hat, ist bisher nur ansatzweise ausgelotet worden, doch es scheint vielversprechend: Wenn Sachquellen nicht als passive Überreste gedeutet werden, sondern auch als Akteure der Gegenwart, wenn sie gesichertes Wissen über die Vergangenheit ermöglichen, dann sind sie in besonderem Maße geeignet, historisches Lernen zu fördern. Oder sind gegenständliche Objekte der interpretativen Willkür genauso ausgeliefert wie jede andere Quelle?

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5066-2/historisches-lernen-und-materielle-kultur/?number=978-3-8394-5066-6